Examen Conscientiae: Die Kunst der abendlichen Rückschau
Die Praxis der abendlichen Rückschau, in der westlichen Philosophie und Mystik oft als Rückwärtsschau, Examen Conscientiae oder Retrospektion bezeichnet, ist eine der ältesten und universellsten Methoden zur geistigen Entwicklung. Sie zieht sich durch fast alle großen Weisheitstraditionen.
Wurzeln und Linien der Praxis
Neben Rudolf Steiner, der sie in der Anthroposophie als fundamentale Schulungsaufgabe beschreibt, und Master Choa Kok Sui, welcher diese als wichtigen Teil der Charakterbildung von spirituellen Aspiranten lehrt, vertreten weitere bedeutende spirituelle Lehrer, Philosophen und Meister diese Alltagsdisziplin.
1. Pythagoras und die Pythagoreer
Pythagoras gilt im abendländischen Raum als der geistige Urvater dieser Methode. In den berühmten Goldenen Versen des Pythagoras wird der Schüler ausdrücklich angewiesen, den Tag dreimal rückwärts zu durchdenken, bevor die Augen im Schlaf schließen:
„Lasse den Schlaf nicht in deine sanften Augen sinken, ehe du nicht jedes Werk des Tages dreimal durchdacht hast: Wo bin ich fehlgegangen? Was habe ich getan? Was habe ich versäumt, das ich hätte tun sollen?“ Goldene Verse des Pythagoras
2. Die stoischen Meister
In der stoischen Philosophie gehörte die abendliche Gewissensprüfung zur täglichen Grundpraxis, um emotionale Ausgeglichenheit, Apatheia, und Tugendhaftigkeit zu entwickeln.
- Seneca: Prüfte jeden Abend im Dunkeln, wenn seine Frau schlief, den gesamten Tag, hinterfragte Fehler ohne Selbstverurteilung, um am nächsten Tag bewusster zu handeln.
- Epiktet und Mark Aurel: Nutzt die Abendstunden zur moralischen Inventur, um die eigene Wahrnehmung von äußeren Ereignissen zu entkoppeln und das Ego zu zähmen.
3. Ignatius von Loyola
Der Gründer des Jesuitenordens erhob die abendliche Rückschau im 16. Jahrhundert zu einer zentralen Übung der westlichen Mystik, dem Examen.
- Prinzip: Am Abend auf die vergangenen Stunden blicken, um zu erkennen, wo in Harmonie mit dem Göttlichen gehandelt wurde und wo man vom Weg abwich.
- Ziel: Wandlung von Mustern durch Selbsterkenntnis sowie Bitte um Vergebung und Stärkung für den kommenden Tag.
4. Paramahansa Yogananda
Der Autor der Autobiographie eines Yogi lehrte, dass der Geist vor dem Schlafengehen von den Verstrickungen des Tages gereinigt werden muss.
- Unverarbeitete Gedanken und Emotionen werden beim Einschlafen ins Unterbewusstsein mitgenommen und bilden dort unheilsame Samskaras.
- Eine kurze, neutrale Rückschau entlädt die energetische Spannung des Tages und führt zu einem Übergang in reines Bewusstsein.
5. Omraam Mikhaël Aïvanhov
Der bulgarische Meister lehrte intensiv über die geistige Chemie des Schlafes.
- Die letzten Gedanken vor dem Einschlafen bestimmen die Richtung, wohin die Seele während des Schlafes reist.
- Die abendliche Rückschau harmonisiert und neutralisiert negative Schwingungen, Streitigkeiten und Missverständnisse des Tages, um die Nacht zur spirituellen Regeneration zu nutzen.
6. Sri Aurobindo und die Mutter
Im Integralen Yoga spielt die permanente Selbstbeobachtung und die abendliche Sichtung der Bewegungen des Intellekts und der Vitalenergie eine wichtige Rolle.
- Ziel ist es, die unbewussten Antriebe des Tages ans Licht des Bewusstseins zu bringen, damit sie transformiert werden können.
Gemeinsamer Nenner aller Meister
Unabhängig davon, ob aus Ost oder West, verfolgen alle Lehrer mit dieser Übung dieselben Kernziele.
- Auflösung von Karma und Samskaras: Das Neutralisieren von Ereignissen verhindert, dass sich unbewusste Reaktionsmuster verfestigen.
- Entwicklung des neutralen Beobachters: Man lernt, sich nicht mehr mit den Emotionen und Dramen des Tages zu identifizieren.
- Schaffung von Raum für das Höhere Selbst: Der Geist tritt gereinigt in den Schlaf ein, was tiefere Regeneration und höhere Inspiration ermöglicht.
Nächster Schritt
Wir freuen uns auf Sie
Wenn Sie die abendliche Rückschau in Ihren Alltag integrieren möchten, begleiten wir Sie gern mit Impulsen und Kursen.